Das Manifest der Kommunistischen Partei

Eine zunehmend ungleichere Verteilung von Kapital, Ausbeutung des globalen Südens durch Staaten des globalen Nordens oder die sich weiter zuspitzende Klimakrise: Probleme und Ungerechtigkeiten im kapitalistischen System, welches sich mittlerweile in fast allen Regionen weltweit etabliert hat, sind offensichtlich. Es muss die Frage gestellt werden: Müssen wir neue, gerechtere Arten und Weisen finden, wie Menschen mit- und nebeneinander leben können? Wie eine solche Organisation außerhalb des Kapitalismus aussehen könnte, hat Karl Marx und Friedrich Engels schon im 19. Jahrhundert beschäftigt. Im “Manifest der Kommunistischen Partei” widmen sie sich dieser Frage und rufen zum Umsturz des Systems auf, um eine Gesellschaft jenseits von Besitz und unterschiedlichen sozialen Klassen zu errichten.


Innerhalb der theoretischen Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen haben wir den Text von Marx und Engels aus dem Jahr 1847/48 gelesen und als Anhaltspunkt verwendet, um gemeinsam über Kapitalismus und die marxistische Vorstellung von Kommunismus zu diskutieren. Zudem hat uns beschäftigt, wie sich die Gesellschaft seit 1848 geändert hat und welche Bedeutung der Text auch heute noch haben kann.

Zentral für die Analyse von Marx und Engels ist die Unterscheidung in zwei gesellschaftliche Klassen: Das besitzlose Proletariat und die Bourgeousie, die in Besitz aller Produktionsmittel sei. Dadurch, dass die Arbeiter:innen des Proletariats, nichts außer ihrer Arbeitskraft besäßen, seien sie gezwungen, diese zu verkaufen, um ihr Überleben garantieren zu können. Die herrschende Klasse, die Bourgeousie, nutze das aus, um das Proletariat um ihrer Arbeitskraft auszubeuten. Mit Hilfe der Produktionsmittel, die in Besitz der Bourgeousie sind, produzieren die Arbeiter:innen Güter, die wiederrum in den Besitz der Bourgeousie übergehen. Dies führe dazu, dass sich immer mehr Kapital auf der Seite der Kapitalbesitzenden anhäuft, während der besitzlose Teil der Gesellschaft, die eigentlich dieses zusätzliche Kapital produziert haben, weiterhin besitzlos und abhängig von der herrschenden Klasse blieben. 

Eine solche Einteilung der Gesellschaft in zwei Klassen lässt sich unserer Ansicht nach nicht mehr derart einfach vornehmen. Global betrachtet, wäre es tatsächlich noch möglich in ein binäres Klassensystem zu unterscheiden. Der wohlhabende globale Norden, der den globalen Süden um dessen Arbeitskraft und Ressourcen ausbeutet, spielt hierbei die Rolle der herrrschenden Klasse. Diese Internationalisierung des Zwei-Klassen-Systems lässt sich auf die zunehmende Globalisierung, insbesondere effektivere Transport- und Kommunikationswege, zurückführen. Auf nationaler Ebene, allerdings, sehen wir diese Klassenstruktur “zersplittert”. Es ist nicht mehr ohne Weiteres möglich, von dem “Proletariat” zu sprechen. Klassenunterschiede haben sich verfeinert und es wäre falsch, beispielweise eine Person mit geringem Besitz als Proletarier:in oder als Teil der herrschenden Klasse darzustellen. Dennoch genüge ein Blick auf die nationale Vermögensverteilung, um zu sehen, dass auch unsere heutige Gesellschaft stark hierarchisch aufgebaut ist. Zwar wäre es ignorant die gesellschaftliche Stellung einer Person auf ihr Vermögen zu reduzieren, jedoch ist es dennoch ein wichtiger Indikator. Natürlich sind die Lebensrealität und Möglichkeiten der ärmsten Hälfte der Bevölkerung in Deutschland, die weniger als 2% des gesamten Vermögens besitzen, im Vergleich zu den vermögensstärksten 10%, die deutlich über der Hälfte alles Kapitals besitzen, grundverschiedenen [1]. Die resultierende Armut und Verschuldung der unteren Klasse erzeugt ein Abhängigkeitsverhältnis. Die “Superreichen”, die in Besitz von Unternehmen, Immobilien oder Infrastruktur sind, nutzen Ausbeutung von Arbeiter:innen demnach immer noch aus, um selbst mehr und mehr Kapital anzuhäufen.


In diesem Zusammenhang kamen wir auf die Frage, warum sich dennoch das kapitalistische System bis heute hält. Marx und Engels beschreiben dessen Untergang als logische Folge der aus ihm entstehenden Unterdrückung des Proletariats. Als Gründe für den Erhalt des Kapitalismus analysierten wir seine Anpassungsfähigkeit. Immer wieder schließt die herrschende Klasse Kompromisse mit dem unterdrückten Teil der Gesellschaft, um eine gemeinsame Organisation gegen sich selbst, wie sie Marx und Engels prophezeihen und fordern, zu verhindern. Die Illusion von Aufstieg, wie während der Weimarer Republik in ein “Kleinbürgertum” mit eigenem Besitz, oder sozialpolitische Maßnahmen, beziehungsweise sogar das gesamte Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, bricht die Gemeinschaft der Nicht-Herrschenden und ist zudem Ursache der “Zersplitterung” der Klassengesellschaft. Wir beobachteten, dass das Verhindern der Zusammenkunft des unterdrückten Teils der Gesellschaft begleitet wird von passenden, öffentlichen Erzählungen. Auf der einen Seite, existiert eben diese positive, illusorische Erzählung über Aufstiegsmöglichkeiten, Gleichberechtigung und Chancengleichheit als Kernelemente des kapitalistischen Systems. Andererseits, werden linke politische Ideen dämonisiert. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist die Hufeisentheorie: Antikapitalist:in zu sein, wird öffentlich mit Rechtsextremismus gleichgesetzt. Ganz im Gegenteil werden sogar Probleme, deren Ursprung wir im Kapitalismus sehen, erfolgreich mit rechten, völkischen Inhalten besetzt. Als Gruppe waren wir uns einig, dass es für linke Mehrheiten einer öffentlichen, linken positiven Gegenerzählung bedarf. 


Die beschriebene Beeinflussung des Individuums beginnt schon früh und ist in der Erziehung und Bildung zu finden. So kamen wir auf die Rolle des Nationalstaates zu sprechen. Bildung darf nicht den Zweck der Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse haben, sondern muss diese kritisch infrage stellen. Inwiefern sorgt der Staat also selbst für den Erhalt des Kapitalismus? Die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich wird nicht nur einfach hingenommen, sondern teilweise gefördert. Während in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums die Umverteilung zurückgefahren wird, hilft der Staat den Kapitalist:innen in Krisenzeiten (Beispiele: Finanzkrise, Corona-Pandemie) durch Unternehmens- und Bankenrettungen aus. Linke Organisationsversuche werden durch staatliche Gewalt gar repressiv unterdrückt, wobei wir hier unter dem Eindruck der unverhältnismäßigen und nicht nachvollziehbaren polizeilichen Gewalt gegen Demonstrationen linker Gruppierungen stehen.


Schließlich, stellte sich uns die Frage nach Alternativen. Der Marximus sieht den Ausweg in der Organisation des Proletariats, dem Abschaffen des bürgerlichen Eigentums und seiner Vergesellschaftung innerhalb der Arbeiterklasse stattdessen. Das Ziel ist die befreite, klassenlose Gesellschaft. Auch wir hoffen auf eine gerechtere, bessere Welt für alle Menschen und sehen den Ursprung vieler gesellschaftlichen Missstände im kapitalischen System und seinen Strukturen. Es braucht Veränderung, doch die Frage, wie eine befreite Welt organisiert werden soll, konnten auch wir innerhalb unseres Plenums nicht vollends klären. 


[1] https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung

Die Soziale Organisation von Männlichkeit

In den Semesterferien lesen wir alle zwei Wochen einen Text, um uns als Gruppe auch mit Theorie auseinanderzusetzen. Deshalb haben wir auf dem letzten Plenum das Kapitel „Die soziale Organisation von Männlichkeit“ aus dem Buch „Der gemacht Mann, Geschlecht und Gesellschaft“ (2015) von Raewyn Connell über Männlichkeit gelesen. Wir haben hier ein paar Punkte und Gedanken aus unserer Diskussion für euch zusammengefasst.

Connell versteht Geschlecht als eine „Art und Weise, in der soziale Praxis geordnet ist“. Es beeinflusst also im Alltag sämtliche soziale Interaktionen, es bezieht sich auf den Körper und auf das, was Körper machen, aber geht als soziale Praxis auch über die einzelnen Körper hinaus. Diese soziale Praxis ist aber immer auch in einer bestimmten historischen Situation eingebettet, und demnach ist Geschlecht je nach der historischen Situation veränderbar. Insofern bezeichnet Connell Männlichkeit und Weiblichkeit als „Geschlechterprojekte“ (128), als praktische Prozesse zu einer gegebenen historischen Situation. Einer der Hauptpunkte dieses Kapitels ist die Einführung des Begriffs der „hegemonialen Männlichkeit“ (130). Hegemonie bedeutet die Führungsposition im Sozialen einzunehmen. In Bezug auf Männlichkeit ist diese Hegemonie die zu einem bestimmten Zeitpunkt akzeptierte geschlechtsbezogene Praxis, die die Dominanz der Männer über Frauen gewährleisten soll (ebd.). Aber auch diese Hegemonie einer bestimmten Männlichkeit ist immer veränderbar. Und wenn sich die Bedingungen für eine bestimmte Männlichkeit verändern, ändert sich auch die Hegemonie. Hier haben wir uns aber gefragt, wie gefestigt die aktuelle hegemoniale Männlichkeit tatsächlich ist. Auch aus persönlichen Erfahrungen heraus haben wir darüber gesprochen, dass Männlichkeit eben wegen ihres prozessualen und veränderlichen Charakter auch so wandelbar werden kann, dass sie Kritik vereinnahmt, sich zu eigen macht und dementsprechend wandelt, aber die Hegemonie nach wie vor bestehen bleibt. Die Frage, inwiefern hegemoniale Männlichkeit tatsächlich verändert werden könnte, konnten wir leider nicht beantworten.

In diesem Zusammenhang haben wir auch über die Verbindung von Produktionsverhältnissen und Geschlechterbeziehungen gesprochen. Dabei stellt sich häufiger die Frage, ob eine Änderung der Produktionsverhältnisse auch die Abschaffung des Patriarchats zur Folge hätte. Das haben wir in unserer Diskussion verneint, denn schließlich müssten sich auch die Menschen ändern, nicht nur die Produktionsverhältnisse. Hier ist es uns wichtig, das Patriarchat als eigene Herrschafts- und Unterdrückungsform anzuerkennen, die sich nicht ausschließlich aus der kapitalistischen Logik ergibt. Trotzdem sind wir im Verlauf der Diskussion häufiger auf den patriarchalen Kapitalismus zurück gekommen, der, bedingt durch die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, für einen wirklichen Fortschritt strukturelle Hürden in der Veränderung der Geschlechterverhältnisse darstellt.

Zuletzt haben wir über die Praktiken und Verhältnisse von Männlichkeit gesprochen, und diese teilweise auch auf unsere Gruppe und die zukünftige Arbeit in der Gruppe bezogen. Ein Begriff von Connell, den wir in diesem Zusammenhang besonders stark fanden, ist der Begriff der „Komplizenschaft“ (133): Das meint, dass auch “progressive” Männer teilweise problematisches Verhalten reproduzieren und von männlicher Dominanz profitieren. Connell bezeichnet diesen Profit als „patriarchale Dividende“ (ebd.). Dieser Begriff zeigt für uns sehr deutlich wie Männer vom Patriarchat profitieren, auch wenn sie dieses nicht bewusst reproduzieren. Die Reflexion von der eigenen Komplizenschaft kann sehr deutlich machen, wie auch Männer Verhalten/Dominanz anderer Männer tolerieren und unwidersprochen zulassen. Hier wurde die Diskussion von einer theoretischen Ebene in eine alltäglich-praktische geführt, in der wir, vor allem aber die anwesenden Männer, auch über persönliche Erfahrungen gesprochen haben. Um dem aber entgegen zu wirken, muss der Fremdhinweis auf kritisches männliches Verhalten auch von anderen Männern kommen, um vor allem einen Reflexionsprozess anstoßen zu können. Denn auch Männer mit emanzipatorischer Einstellung trauen sich häufig nicht, gegenüber Freunden deren Verhalten zu kritisieren. Dementsprechend ist es auch notwendig, dass sich in Politgruppen und linken Kontexten Männer feministisch verhalten. Hier kann es nicht angehen, dass das eigene problematische Verhalten (Observation: z.B. Redeanteil/Dominanzverhalten von Männer in Runden) ignoriert wird und Progressivität nur ein Schein ist. Dieser Prozess ist allerdings langwierig und bedarf zur Reflexion trotz allem noch immer der kritischen Hinweise von FLINTA Personen.

Leider konnten wir nicht alle Punkte, die wir spannend fanden, komplett diskutieren. Insbesondere hätten wir gerne noch mehr über die intersektionalen Perspektiven in der Debatte über Männlichkeit gesprochen. Es wäre dafür in Zukunft wichtig, stärker die eigenen Mehrfachprivilegien (weiß, cis, im Zweifel hetero-männlich mit Akademiker_innen-Hintergrund) zu reflektieren.