Die Soziale Organisation von Männlichkeit

In den Semesterferien lesen wir alle zwei Wochen einen Text, um uns als Gruppe auch mit Theorie auseinanderzusetzen. Deshalb haben wir auf dem letzten Plenum das Kapitel „Die soziale Organisation von Männlichkeit“ aus dem Buch „Der gemacht Mann, Geschlecht und Gesellschaft“ (2015) von Raewyn Connell über Männlichkeit gelesen. Wir haben hier ein paar Punkte und Gedanken aus unserer Diskussion für euch zusammengefasst.

Connell versteht Geschlecht als eine „Art und Weise, in der soziale Praxis geordnet ist“. Es beeinflusst also im Alltag sämtliche soziale Interaktionen, es bezieht sich auf den Körper und auf das, was Körper machen, aber geht als soziale Praxis auch über die einzelnen Körper hinaus. Diese soziale Praxis ist aber immer auch in einer bestimmten historischen Situation eingebettet, und demnach ist Geschlecht je nach der historischen Situation veränderbar. Insofern bezeichnet Connell Männlichkeit und Weiblichkeit als „Geschlechterprojekte“ (128), als praktische Prozesse zu einer gegebenen historischen Situation. Einer der Hauptpunkte dieses Kapitels ist die Einführung des Begriffs der „hegemonialen Männlichkeit“ (130). Hegemonie bedeutet die Führungsposition im Sozialen einzunehmen. In Bezug auf Männlichkeit ist diese Hegemonie die zu einem bestimmten Zeitpunkt akzeptierte geschlechtsbezogene Praxis, die die Dominanz der Männer über Frauen gewährleisten soll (ebd.). Aber auch diese Hegemonie einer bestimmten Männlichkeit ist immer veränderbar. Und wenn sich die Bedingungen für eine bestimmte Männlichkeit verändern, ändert sich auch die Hegemonie. Hier haben wir uns aber gefragt, wie gefestigt die aktuelle hegemoniale Männlichkeit tatsächlich ist. Auch aus persönlichen Erfahrungen heraus haben wir darüber gesprochen, dass Männlichkeit eben wegen ihres prozessualen und veränderlichen Charakter auch so wandelbar werden kann, dass sie Kritik vereinnahmt, sich zu eigen macht und dementsprechend wandelt, aber die Hegemonie nach wie vor bestehen bleibt. Die Frage, inwiefern hegemoniale Männlichkeit tatsächlich verändert werden könnte, konnten wir leider nicht beantworten.

In diesem Zusammenhang haben wir auch über die Verbindung von Produktionsverhältnissen und Geschlechterbeziehungen gesprochen. Dabei stellt sich häufiger die Frage, ob eine Änderung der Produktionsverhältnisse auch die Abschaffung des Patriarchats zur Folge hätte. Das haben wir in unserer Diskussion verneint, denn schließlich müssten sich auch die Menschen ändern, nicht nur die Produktionsverhältnisse. Hier ist es uns wichtig, das Patriarchat als eigene Herrschafts- und Unterdrückungsform anzuerkennen, die sich nicht ausschließlich aus der kapitalistischen Logik ergibt. Trotzdem sind wir im Verlauf der Diskussion häufiger auf den patriarchalen Kapitalismus zurück gekommen, der, bedingt durch die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, für einen wirklichen Fortschritt strukturelle Hürden in der Veränderung der Geschlechterverhältnisse darstellt.

Zuletzt haben wir über die Praktiken und Verhältnisse von Männlichkeit gesprochen, und diese teilweise auch auf unsere Gruppe und die zukünftige Arbeit in der Gruppe bezogen. Ein Begriff von Connell, den wir in diesem Zusammenhang besonders stark fanden, ist der Begriff der „Komplizenschaft“ (133): Das meint, dass auch “progressive” Männer teilweise problematisches Verhalten reproduzieren und von männlicher Dominanz profitieren. Connell bezeichnet diesen Profit als „patriarchale Dividende“ (ebd.). Dieser Begriff zeigt für uns sehr deutlich wie Männer vom Patriarchat profitieren, auch wenn sie dieses nicht bewusst reproduzieren. Die Reflexion von der eigenen Komplizenschaft kann sehr deutlich machen, wie auch Männer Verhalten/Dominanz anderer Männer tolerieren und unwidersprochen zulassen. Hier wurde die Diskussion von einer theoretischen Ebene in eine alltäglich-praktische geführt, in der wir, vor allem aber die anwesenden Männer, auch über persönliche Erfahrungen gesprochen haben. Um dem aber entgegen zu wirken, muss der Fremdhinweis auf kritisches männliches Verhalten auch von anderen Männern kommen, um vor allem einen Reflexionsprozess anstoßen zu können. Denn auch Männer mit emanzipatorischer Einstellung trauen sich häufig nicht, gegenüber Freunden deren Verhalten zu kritisieren. Dementsprechend ist es auch notwendig, dass sich in Politgruppen und linken Kontexten Männer feministisch verhalten. Hier kann es nicht angehen, dass das eigene problematische Verhalten (Observation: z.B. Redeanteil/Dominanzverhalten von Männer in Runden) ignoriert wird und Progressivität nur ein Schein ist. Dieser Prozess ist allerdings langwierig und bedarf zur Reflexion trotz allem noch immer der kritischen Hinweise von FLINTA Personen.

Leider konnten wir nicht alle Punkte, die wir spannend fanden, komplett diskutieren. Insbesondere hätten wir gerne noch mehr über die intersektionalen Perspektiven in der Debatte über Männlichkeit gesprochen. Es wäre dafür in Zukunft wichtig, stärker die eigenen Mehrfachprivilegien (weiß, cis, im Zweifel hetero-männlich mit Akademiker_innen-Hintergrund) zu reflektieren.